Die Kapitalmärkte mussten einmal Luft holen

Alexander Fuchs

Unser Vorstand Ulrich Feuerstein im Interview mit dem Volkswirt der Deka Dr. Bahr

Herr Dr. Bahr, die deutschen Aktienindizes DAX, MDAX und SDAX haben 18 bzw. 20 Prozent im vergangenen Jahr verloren.  Gab es weltweit überhaupt Aktienindizes, die in gleicher Größenordnung Zuwächse verzeichneten?

Dr. Bahr: Wer 2018 an den Kapitalmärkten positive Renditen erzielen wollte, musste schon eine sehr exotische Auswahl treffen. Denn 2018 warfen lediglich Aktien aus Jamaika oder Mazedonien ein Plus von je 37 Prozent ab. Dies lag möglicherweise an der bescheidenen Größe dieser Aktienbörsen: Im mazedonischen Index befinden sich gerade einmal zehn Unternehmen und der jamaikanische Markt beinhaltet 31 Aktiengesellschaften des Landes. Das war rückblickend betrachtet auch schon fast alles an positiven Nachrichten von den Finanzmärkten.

Wie kamen diese Verluste trotz Vollbeschäftigung in Deutschland, einer florierenden Wirtschaft und einhergehenden Rekordgewinnen zu Stande?

Dr. Bahr: Für die Kursrückgänge auf breiter Basis waren nicht nur die politischen Themen des Jahres – Handelspolitik, Brexit, Italien – verantwortlich, sondern eine ebenfalls einzigartige makroökonomische Konstellation. Seit der Finanzkrise im Jahr 2009 haben weltweit die Notenbanken mit historisch nie dagewesenen Expansionsmaßnahmen Wirtschaft und Finanzmärkte gestützt. Nachdem die US-Notenbank (Fed) bereits seit drei Jahren die Schubumkehr eingeleitet hat, signalisierte 2018 auch die Europäische Zentralbank (EZB), dass sie mit einer Rückführung der Stützungskäufe von Anleihen einen ähnlichen Weg einschlägt wie die Fed. Diese geldpolitische Wende ist es, die Irritationen und Trendwechsel an den Kapitalmärkten hervorruft. Auch die Konjunktur muss erst beweisen, dass sie nach vielen Jahren des Aufschwungs ohne geldpolitisches Doping leistungsfähig bleibt. Das alles hat 2018 zu erhöhten Kursschwankungen an Aktien- und Anleihemärkten geführt. Die enttäuschenden Ergebnisse des Anlagejahrs 2018 müssen allerdings im Zusammenhang mit den sehr guten Ergebnissen der Vorjahre gesehen werden. Die Kapitalmärkte mussten einmal Luft holen.

Herr Feuerstein, die Zinsen verharren auf Rekordtief, die Inflation steigt. Was bedeutet das für die Anleger in der Region, die sich ja der aktuellen Zinssituation durchaus bewusst sind?

Feuerstein: Es stimmt leider, dass das traurige Zinsumfeld weiter anhält. Die Inflation ist zwar nicht besorgniserregend, denn mit den sinkenden Rohölpreisen zum Jahresende sank in Baden-Württemberg auch die Inflationsrate auf 2 Prozent. Aber auch vermeintlich niedrige Inflationsraten höhlen über die Zeit das Vermögen aus, wenn es lange Zeit unverzinst bleibt. Und das ist leider derzeit der Fall. Es ist auch richtig, dass der Aktienmarkt in Deutschland im letzten Jahr um gut 18 Prozent gefallen ist, aber das ist nur eine Momentaufnahme, die Aktienkurse werden sich auch wieder erholen. Die Konjunktur läuft immer noch gut, mit Wachstumsraten von etwa 1,5 Prozent für Deutschland im laufenden Jahr und um die zwei Prozent für die Eurozone.

Für das Ersparte gibt es kaum noch Zinsen. Lohnt sich sparen überhaupt noch?

Feuerstein: Auf jeden Fall. Wer sich bei seiner Geldanlage an ein paar Regeln hält, kann der aktuellen Nervosität an den Märkten gelassen gegenübertreten. Wichtig ist es, aktiv zu werden und nicht abzuwarten, bis vielleicht die Zinsen wieder steigen. Regelmäßig und langfristig in Wertpapiere sparen ist hier der wichtigste Tipp. Denn eines gilt nach wie vor in der Nullzinsphase: Parke ich mein Geld auf dem Sparbuch oder dem Tagesgeldkonto, gibt es darauf so gut wie keine Zinsen. Zudem liegt die Inflation deutlich über dem Zinsniveau. Real fallen so negative Erträge an. Der Geldwert sinkt also, je länger das Geld dort liegt. Gerade an den Aktienmärkten sind mit den Kursrückgängen wieder interessante Konstellationen entstanden.

Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass es an der Börse nicht nur nach oben geht. Warum sind die Märkte so schwankungsanfällig?

Dr. Bahr: Dafür gibt es ein ganzes Bündel von Gründen: Im vergangenen Jahr waren dies etwa der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der steigende Ölpreis oder die schwierigen Brexit-Verhandlungen. Die Konjunktur läuft zwar, aber sie hat sich verlangsamt. Diese Kombination sorgt bei den Finanzmarktteilnehmern für Anspannung. Wenn sich in einigen Monaten herausstellt, dass die Konjunktur doch nur langsamer läuft, aber eben nicht stehen bleibt, und wenn in den nächsten Tagen Klarheit in der Brexit-Frage herrscht, können die Dinge schnell auch wieder in deutlich hellerem Licht dastehen.

Welche Regeln sollten Anleger daher beherzigen?

Feuerstein: Aus eigener Erfahrung ist Ruhe bewahren das Wichtigste bei schwankenden Kursen. Und Geduld. Das ist schwierig, ich weiß. Aber je länger man seine Anlage hält, desto eher wirft sie Rendite ab. Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich gibt es auch Risiken. Diese Risiken machen sich als Kursschwankungen bemerkbar. Dafür entschädigt der Aktienmarkt mit einer höheren Rendite als auf dem Sparkonto. Regel Nummer Eins lautet also: Auf keinen Fall eine Position breit gestreuter Aktien in eine Marktschwäche hinein verkaufen, sondern eher im Gegenteil weiter aufbauen, wenn weitere Mittel vorhanden sind. Regel Nummer Zwei lautet natürlich: Nicht nur eine oder zwei Aktien erwerben, denn hier hat man über das Konkursrisiko eines Unternehmen in der Tat das Risiko des Totalverlusts. Diese kann man aber minimieren, wenn man einen großen Aktienkorb kauft.

2018 ist Geschichte. Welche Chancen sehen Sie 2019 für den langfristigen Portfolioaufbau?

Dr. Bahr: Zu Beginn des Jahres wird es eine Atem- beziehungsweise Ertragspause geben, die aber aller Voraussicht nach nicht allzu lange anhalten sollte. Zwar könnte es im ersten Halbjahr weiterhin etwas holperig an den Märkten zugehen. Es muss mit Kursbewegungen gerechnet werden, die den DAX auf drei oder sechs Monate auch unter die Marke von 11.000 Punkten drücken können. Mit einer Klärung der Konjunkturperspektiven im Jahresverlauf sollte dann jedoch eine Erholung einsetzen, die den Markt Ende 2019 wieder über 12.000 Punkte steigen lässt. Eine solche Phase eröffnet auch Chancen. Wenn politische Risiken abklingen und Zinssteigerungen vollzogen wurden und zudem die Konjunktur 2019 wieder positive Lebenszeichen von sich geben sollte, kann sich das Kursgeschehen auch schnell wieder ins Positive umkehren. Trotz des verhaltenen Ausblicks sollten Anleger dem Kapitalmarkt nicht den Rücken zukehren. Wer die Ruhe bewahrt und einen Blick auf die Chancen richtet, könnte in den kommenden Jahren dafür belohnt werden.

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